Rapper, Tierarzt oder Astronaut?

Jobrallye zur Berufsorientierung

Würden alle Jungs, die diesen Berufswunsch hegen, tatsächlich Profifußballer werden, müssten alle Grünflächen Deutschlands in Bolzplätze umgebaut werden. Um alle zukünftigen Astronauten mit Arbeit zu versorgen, sollte man besser gestern als heute die Raumschiffproduktion drastisch steigern. Würden alle Mädchen, die sich das mit zwölf wünschen, wirklich Tierärztin werden, müsste Deutschland ein einziger großer Zoo werden, um alle mit Arbeit zu versorgen. Und die 13jährigen „Profi“-Rapper werden sicher auch mit 23 kaum einen müden Cent mit Sprechgesang „ergangstern“.

Bei vielen Kids klaffen Anspruch und berufliche Wirklichkeit oft weit auseinander.

Sie sind noch recht jung und haben, wenn überhaupt, meist nur geringe Erfahrung mit der Arbeitswelt gemacht. Die Schülerinnen und Schüler aus der Hauptschule sind von allen Schularten die jüngsten, die nach der 9. Klasse in die Welt der Berufe übertreten sollen. Damit dies leichter gelingen kann, ist die Heranführung der Schüler in die Arbeitswelt mit der sogenannten „Berufsorientierung“ immer mehr ein zentraler Schwerpunkt im Bildungskanon der Hauptschule geworden.

 

Die Hauptschule an der Wittelsbacherstraße veranstaltete deshalb für die über 100 Schülerinnen und Schüler der 8. Klassen in den zwei Turnhallen an der Auenstraße eine großangelegte Jobrallye zur Berufsorientierung. Um 8 Uhr begrüßte Rektor Hermann Huber sehr herzlich die Schülerinnen und Schüler, die Klassenlehrkräfte, Fachlehrkräfte, Praktikanten und Gäste sowie die Vertreter der Wirtschaft, die bereits seit 6:30 Uhr mit dem Aufbau der Stände beschäftigt waren. Ausgearbeitet wurde diese Veranstaltung vom Arbeitskreis Hauptschule-Wirtschaft (Süd) mit Unterstützung mehrerer Firmen unter der Federführung von Frau Bozjak (Ludwig Beck) und Frau Wagner (Saturn). Die Durchführung vor Ort organisierte die Lehrerin Frau Brigitte Halman, die vielfältige Kontakte zur freien Wirtschaft pflegt. Ziel dieser Jobrallye war, dass sich alle Schülerinnen und Schüler konstruktiv Gedanken machen, welches Berufsfeld für sie nach dem Schulabschluss in Frage kommen könnte. Darüber hinaus konnten sie mit den veranstaltenden Firmen in Kontakt treten, sich mit besonderen Fähigkeiten und Interessen für spätere Bewerbungen in Position bringen und damit Werbung in eigener Sache betreiben. Die Firmenvertreter hatten die Möglichkeit, Schüler als Praktikanten und als Auszubildende für Ihr Unternehmen zu gewinnen.

 

Bei der Jobrallye mussten die Schülerinnen und Schüler Aufgaben aus den Berufsfeldern Handel, Dienstleistung, Gesundheit und Handwerk lösen. Dabei stand die praktische Ausführung im Vordergrund. So lernten sie z. B. beim Thema Dienstleistung, wie richtig telefoniert wird oder im Bereich Handwerk, wie man aus einzelnen Holzteilen eine Bogenbrücke bauen kann. Im Bereich Handel wurden auf insgesamt vier Stationen die Aspekte Werbung Verkauf, Präsentation und Inventur mit schülerorientierten Fragestellungen und Arbeitsaufträgen in Teamarbeit getestet. So erhielten die Schülerinnen und Schüler beispielsweise Gelegenheit, an einem Fotostand eine Produktpalette präsentationsfertig zu positionieren, zu fotografieren und ausdrucken.

Insgesamt durchliefen die Schüler 12 Stationen mit einer jeweiligen Bearbeitungszeit von 20-25 Minuten. Beteiligt waren hier die Firmen Ludwig Beck, Saturn, die Deutsche Bahn, die AOK und die Ritter Apotheke. Auch Vertreter der deutschen Bauindustrie und der Bundesagentur für Arbeit waren vor Ort. Jeder Stand wurde von mindestens einem Wirtschaftsvertreter aus der jeweiligen Branche betreut und moderiert. Dies hatte den Vorteil, dass die Schüler sich mit den Ansprechpartnern der Firmen austauschen konnten. Beide Seiten hatten also die Chance, sich näher kennen zu lernen. Ein weiterer Vorteil war die Bewertung der Schülerinnen und Schüler durch die Wirtschaftsvertreter in den Bereichen Persönlichkeit, Sozialverhalten, Arbeitseinstellung, Arbeitsqualität und Durchhaltevermögen. So konnten die Schüler ihre Stärken, aber auch Schwächen erkennen, was für die Wahl des passenden Berufes sehr bedeutsam ist.

Die Jobrallye dauerte mit kurzen Pausen bis 13:30 Uhr. Die Schüler haben in dieser Zeit die Stationen mit großem Interesse und diszipliniert durchlaufen. Trotz der breit gefächerten und teils sehr anspruchsvollen Aufgaben haben sie alle mit erstaunlicher Konzentration gearbeitet und auch beeindruckende Leistungen erbracht. Einige Schüler konnten sich auch über eine Einladung zu einem Praktikum freuen. Die Klassenlehrkräfte haben nun mit den Schülern die nicht leichte Aufgabe, mit den dokumentierten Ergebnissen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Dabei ist die Mithilfe der Eltern von großer Bedeutung und unverzichtbar. Nicht umsonst wurden sie über dieses Projekt in einem Elternbrief informiert. Herr Huber bedankte sich in der Abschlussrunde bei allen Schülern und Mitwirkenden für das Gelingen dieser viel versprechenden Veranstaltung und dankte sich besonders unter dem Applaus der Schüler bei Frau Bozjak, Frau Wagner und Frau Halman für die perfekte Organisation.

Das Feedback der Jugendlichen war durchwegs positiv: Beim Aufräumen wurde man wiederholt von seinen Schülerinnen und Schülern in freudiger Selbsterkenntnis mit der rhetorischen Frage angesprochen: „Raten sie mal, für was ich besonders geeignet bin?“ Und nein, diesmal war kein Rapper, Tierarzt, Astronaut, Pilot oder Stuntman als Berufsziel dabei. Die Kids beantworteten ihre Frage selber, bescheidener und realistischer, diesmal mit Mechatroniker, Restaurantfachfrau oder Werbekaufmann.

Thorsten Bergmühl, Klassenleiter M8d